Gesundheit für alle – Solidarische Gesundheitsversorgung in der Praxis (Fahrradtour)

Danke für eine spannende Veranstaltung! Die ersten Fotos sind online zu finden in unserem Flickr-Account und am Ende der Seite.

Was Selbstverwaltung und Solidarität im Alltag bedeutet, ob wir unsere Gesundheitsvorsorge auch fernab von Krankenkassen finanzieren können und viele andere Fragen und Antworten.


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Montag, 12. September 2016, 15.3o-19.3o h

  • Start: HeileHaus, Waldemarstrasse 36, 10999 Berlin – Kreuzberg
  • Dauer ca. 4 Stunden
  • Fortbewegungsmittel: mit dem Rad, bitte bringt ein eigenes Fahrrad mit oder meldet euch, falls ihr eines braucht
  • Die Tour ist leider nicht barrierefrei.
  • Um eine Spende zur Deckung der Unkosten wird gebeten.
  • Anmeldung ist erwünscht bis 09.09.: kristina.utz(aett)fairbindung.org (bis 07.09. auf der degrowth Konferenz in Budapest, ihr erhaltet rechtzeitig Bescheid)
Die Tour
…wird durchgeführt von Fairbindung.
Logo FairBindung
An der Tour beteiligt sind:

Wie kann Gesundheit für alle ermöglicht werden? Wie können wir selbstverwaltete, solidarische Strukturen in der Gesundheitsförderung schaffen?

Wir suchen gemeinsam nach Antworten und starten beim HeileHaus, das seit 1981 naturheilkundliche Gesundheitsförderung in Kreuzberg betreibt.

Wir tauschen uns mit der solidarischen Gesundheitsabsicherung SOLIDAGO und dem Gesundheitskollektiv Berlin darüber aus, wie Gesundheitsversorgung solidarisch gestaltet werden kann.

Und wir besuchen die Heilpraktikerschule in Selbstverwaltung um selbst auszuprobieren, wie Naturheilkunde in der Praxis aussehen kann. Falls wir noch Zeit und Lust haben fahren wir zum Kindl-Gelände, wo das Gesundheitskollektiv Berlin ein stadtteilorientiertes Gesundheits- und Sozialzentrum gründen möchte.

Den Flyer zur Tour findet ihr zum Download hier.


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Teilnehmendenbericht

Ist es möglich, Gesundheitsvorsorge unabhängig von der Wachstumswirtschaft zu erbringen? Wie, wenn nicht vom Staat organisiert, mit Steuern finanziert und nur für Bürger*innen zugänglich? Diese Möglichkeiten wurden während der Wandelwoche vom Gesundheitskollektiv Neukölln, Heilehaus e.V., einer Heilpraktikerschule in Selbstverwaltung und der selbstverwalteten Gesundheitsabsicherung Solidago vorgestellt. Mit verschiedensten Modellen wollen die beteiligten Initiativen sowohl Alternativen zur Ökonomisierung der Gesundheitsleistungen aufzeigen, als auch Orte für ganzheitliche und selbstverwaltete Pflege ausbauen. Das Ziel ist inspirierend, der Weg dorthin aber steinig.

Von Patient*in zu Selbsthelfer*in und Selbstentscheider*in: Der erste Treffpunkt der Tour war das ganzheitliche Beratungszentrum Heilehaus. Ganzheitlichkeit bedeutet hier, dass die Schlüsselpriorität der Pflege beim Heilehaus nicht auf einzelnen, fachbereichlich getrennten Diagnosen liegt, sondern auf der Stärkung des Selbsthilfepotentials der Patient*innen in seinem oder ihrem ganzen Leben. Darüber hinaus arbeiten in Heilehaus und Gesundheitskollektiv Ärtzt*innen, Sozialarbeiter*innen, Jurist*innen und Heilpraktiker*innen fachübergreifend am gleichen Ort zusammen.

Um diese eigene Pflegeperspektive umsetzen zu können, mussten die Projekte raus aus den Krankenhäusern. Das Gesundheitskollektiv will auf dem Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei ein Gesundheitszentrumskonzept verwirklichen, wo Gesundheit aus dem Blickwinkel des Wohlergehens im ganzen Kiez betrachtet wird. Weil schlechte Selbstsvorsorge mit niedrigem sozialem Status und unentwickeltem Wohngebiet verbunden ist, will die Gruppe bereits an diesen sozialen Ursachen des Problems ansetzen, und sich in der lokalen Gesundheitspolitik engagieren.

Die Solidargemeinschaft für Gesundheit e.V., Solidago, hat die vielleicht weitreichendste Idee von Selbstbestimmung. Lokale Solidago-Gruppen sind Kreise von 5 bis 30 Personen, die, anstatt einer Krankenkasse anzugehören, „anderweitige Absicherungsbeiträge“ auf ein gemeinsames Vereinskonto einzahlen. Dadurch darf Jede*r über die Leistungen entscheiden, die man für sich selbst für nötig hält. Die lokalen Gruppen treffen sich regelmässig, um sich gegenseitig zu unterstützen und mit den finanziellen Mitteln umzugehen. Außerdem gehen kleine Teile jedes Eigenbeitrags auf ein regionales und ein staatliches Konto, die einen Puffer für jedes Lokalkonto im Fall schwerer und langer Krankheiten bilden.

Dadurch haben die Solidago-Mitglieder volle Kontrolle über ihre Gesundheitsleistungen. Lediglich der Staat sieht das offenbar nicht sehr gern. Ob Solidago als alternative Absicherung anerkennt werden kann oder nicht, ist immer noch umstritten. Weil Leistungen im Solidago-System eher selten abgerufen werden, bringt Solidago laut der Mitglieder viel mehr Basissicherheit, als im üblichen System möglich wäre. Bis jetzt haben die Vereine bereits einen so großen gemeinsamen Puffer zusammengetragen, dass die staatlichen Solidaritätsbeiträge nicht mehr gebraucht werden.

Die selbstorganisierten Gruppen bei Solidago sind natürlich offen für Neuzugänge, organisieren sich aber in der Praxis innerhalb geschlossener sozialer Einheiten die eine recht homogene soziostrukturelle Zusammensetzung aufweisen. Das Gesundheitskollektiv versucht seine Dienste möglichst niederschwellig anzubieten und orientiert sich am größten Nutzen für den Kiez. Beim Gesundheitskollektiv ist die Finanzierung derzeit noch nicht geklärt, die bei Heilehaus und Heilpraktikerschule über Mitgliedsbeiträge und Förderanträge läuft, was einen hohen Verwaltungsaufwand mit sich bringt.

Der Tour war an einigen Stellen zeitlich etwas knapp bemessen, weshalb die Fragerunden gelegentlich etwas zu kurz kamen. Dennoch war die Stimmung durchweg sehr gut. Das meisten der 17 Besucher*innen und fünf Orga-Teammitglieder sind selber im Gesundheitsbereich tätig oder haben sich (frewillig oder notgedrungen) intensiv mit dem Gesundheitssystem beschäftigt und suchen jetzt nach Alternativen. Der Austausch mit Personen und Initiativen, die ähnlich denken war für alle Beteiligten ein großer Gewinn. Die hier entstandene Vernetzung der Projekte soll verstetigt werden.