Solidarische Kreislaufwirtschaft – Ein metropolengerechtes Konzept für das Berlin der Zukunft

Diese Tour wird veranstaltet und ermöglicht von der LAG-Wirtschaft von Bündnis 90/die Grünen LV-Berlin.

Die globalen Herausforderungen sind riesig. Aber es existieren auch bereits unzählige kleinere und größere Projekte, die an einem anderen, gerechteren, nachhaltigeren, freudvolleren Leben und Wirtschaften werkeln. Weltweit – und zum Beispiel auch in Berlin-Kreuzberg. Wir besuchen sie – natürlich zu Fuß…

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Donnerstag, 15. September 2016, ab 16 Uhr

Beteiligte Projekte:
Supermarkt (Thinktank und Veranstaltungsort) , 16h
Repaircafe von Kunst-Stoffe (Gast: Materialmafia), ca. 17:15h
Thinkfarm (Nachhaltige Coworking-Etage, beteiligte Projekte s.u.) ca. 18:15h
Regenbogenfabrik (Kulturzentrum) ca. 19h

  • Startpunkt: Do. 15.9.2016 Uhrzeit: 16:00 Uhr, Supermarkt, Mehringplatz 9, 10969 Berlin // U6 Haltestelle Hallesches Tor
  • Zielpunkt: gegen 19:30h Regenbogenfabrik, Lausitzer Str.  22, 10999 Berlin (anschließend gemeinsamer Biergarten-/Kneipenbesuch möglich)
  • Dauer: ca. 3,5 Stunden
  • Fortbewegung(smittel): zu Fuß (Fahrrad, ÖPNV auch möglich)
  • Die Tour ist barrierefrei, der Transfer muss selbst organisiert werden.
  • Die Tour findet in deutscher Sprache statt. Englische Sprachmittlung auf vorherige Anfrage möglich.
  • Ein finanzieller Beitrag nach eigenem Ermessen zugunsten der besuchten Initiativen ist willkommen. Kosten für Speisen und Getränke sind selbst zu tragen.
  • Ansprechperson für die Tour: Bola Olalowo (Tel 030/2325-2424), www.bola-olalowo.de
  • Anmeldung erwünscht per Email an buero3.olalowo@gruene-fraktion-berlin.de.

Zur Tour:

Mit dem Beschluss der UN-Klimakonferenz von Paris ist deutlich geworden dass erhebliche Maßnahmen unternommen werden müssen um einen Temperaturanstieg auf 1,5°C zu begrenzen und den Ressourcenverbrauch erheblich zu verringern. Ohne ein Umsteuern in der Wirtschaft auf Nachhaltigkeit und Ressourcenschonende Kreislaufkonzepte wird das nicht möglich sein.

Aber auch die Art wie Unternehmungen funktionieren wird sich ändern müssen. Es braucht eine Transformation des Produktions-, Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells, die auch soziale und nicht nur technologische Innovationen mit sich bringt. Die solidarische Ökonomie zeigt Ansatz- und Anknüpfungspunkte auf, wie dieses „Andere“,“Neue“ gedacht, gestaltet und schon heute umgesetzt wird.

Ein anderes Wirtschaften ist in vielen Unternehmen in Berlin schon gängiger Alltag. Solidarisches Wirtschaften und regionale Kreislaufkonzepte stehen bei den besuchten Initiativen im Vordergrund. Sie zeigen Wege und Konzepte für einen Weg in eine nachhaltige Wirtschaft.

 

Die Projekte:

Supermarkt
Ansprechperson vor Ort: Ela Kagel
Mehringplatz 9, D-10969 Berlin  // U1/U6 Haltestelle Hallesches Tor
http://www.supermarkt-berlin.net/

Der SUPERMARKT ist eine Plattform für digitale Kultur, kollaborative Ökonomie & neue Arbeitsformen. Hier finden Workshops und Konferenzen, sowohl vor Ort als auch in Kooperation mit anderen Spaces statt. Seit Oktober ist der SUPERMARKT am Mehringplatz in Kreuzberg zuhause.

Repair-Café Kreuzberg
Ansprechperson vor Ort: Elisa Garrote Gasch
Alexandrinenstraße 4, 10969 Berlin – Kreuzberg
www.kunst-stoffe-berlin.de

Die Macher*innen des Repair Cafés Kreuzberg, Elisa Garrote Gasch und die ehrenamtlichen Techniker*innen setzen einen Gegenpol zum breiten Konsumtrend – sie ermöglichen Interessierten kostenlos professionelle Unterstützung bei der Reparatur von Elektrohaushaltsgeräten. Oft ist es nur eine Kleinigkeit, die ein Gerät außer Betrieb setzt. Aber trotzdem bedeutet dies meist, dass die Geräte auf dem Müll landen nach dem Motto: Wenn etwas defekt ist, wird es weggeworfen und ein neues Gerät gekauft, reparieren lohnt nicht. (Als Gast angefragt: Materialmafia)

ThinkFarm Berlin
Ansprechperson vor Ort: Annekatrin Otto
Oranienstraße 183, Im Oranienhof Aufgang C, 3. OG 10999 Berlin
https://berlin.thinkfarm.de/

Die Thinkfarm ist eine Bürogemeinschaft, die solidarisch und selbstorganisiert miteinander arbeitet, teilt und lernt. Hier begegnen sich Menschen aus den unterschiedlichsten Disziplinen, um den gesellschaftlichen Wandel zu gestalten.
Für sie ist die Thinkfarm der ideale Nährboden für sinnstiftendes Handeln, hin zu einer sozial gerechten und ökologisch nachhaltigen Gesellschaft.

Bei dieser Tour stellen sich in der Thinkfarm vor:
Vanilla Way, https://berlin.thinkfarm.de/portfolio_page/vanilla-way/
Netzwerk Wachstumswende / WeChange, https://berlin.thinkfarm.de/portfolio_page/wachstumswende-e-v/
Yesil Cember, https://berlin.thinkfarm.de/portfolio_page/yesil-cember/

Regenbogenfabrik
Ansprechperson vor Ort: Christine Ziegler
Lausitzer Str. 22, 10999 Berlin – Kreuzberg
http://regenbogenfabrik.de/

„Die Regenbogenfabrik ist eine unabhängige, solidarische Organisation mit vielen verschiedenen Projekten. Wir setzen uns für alternative Lebensentwürfe ein und bieten „Hilfe zur Selbsthilfe“. Für die NachbarInnen und den Kiez sind wir ein Ort der Zusammenkunft.“


Teilnehmendenbericht

Die Tour über Kreislaufwirtschaft in der Stadt war von Parteimitgliedern der Grünen organisiert, obwohl die Wandelwoche an sich natürlich parteipolitisch unabhängig ist. Die Auswahl der Themen war sehr breit, von der teilweise marktorientierten Sharing-Ökonomie bis zur direkten politischen Aktion, und das machte die Tour sehr interessant. Wir besuchten den Supermarkt, eine Plattform und ein Veranstaltungsort für Digitale Kultur & Kollaborative Ökonomie, das Repaircafé Kreuzberg, eine offene Werkstatt für Upcycling, die Thinkfarm, einen Coworking-Space für gemeinnützige und nachhaltige Projekte sowie die Regenbogenfabrik, ein Arbeits- und Jugendeinrichtungskollektiv auf einem besetztem Fabrikgelände.

Der ursprüngliche Zeitplan war leider ein bisschen knapp und einige Teilnehmer*innen mussten die Tour unterbrechen, um zur rechtzeitig zur nächsten Wandelwochen-Diskussion zu kommen. Deswegen wäre es für das nächste Jahr interessant, die Zusammenfassungen und Verknüpfungen zwischen verschiedenen Projekten zu vertiefen, um ein Thema wie „metropolengerechtes Konzept für das Berlin der Zukunft“ noch besser fassen zu können. Trotzdem waren alle Beispiele an sich sehr interessant und regten zum Nachdenken an.

Vieles drehte sich um individuelles Netzwerken und nebenbei um neues selbständiges Arbeitsleben. Supermarkt und Thinkfarm sind Räume mit unterschiedlichen Schwerpunkten für Menschen, die sich für Zusammenarbeit im Bereich nachhaltige Ökonomie interessieren. Supermarkt ist ein im Jahre 2012 aus der Kultur- und Kunstzene entstandenes Café und Veranstaltungsort. Den Ausgangspunkt bildeten die freie kreative Zusammenarbeit mit kollaborativ genutzten digitalen Technologien und die Idee kollaborativen Konsum zu unterstützen. Die Tourbesucher*innen stellten hier die konkrete (Offline-)Nützlichkeit von Omline-Plattformen infrage und kritisierten die Zusammenarbeit mit Monopolisten, die neue „Sharing-Dienstleistungen“ einrichten nur um eine neue Profitquelle zu finden. Die Ansprechpartner*innen des Supermarkts räumten ein, dass Kapitalismuskritik mittlerweile immer mehr Raum in ihrem Projekt einnimmt und profitorientierte Modelle zunehmend hinterfragt werden.

Während Supermarkt die Welt ausgehend von virtuellen Gemeinschaften verändern will, denkt die Thinkfarm eher aus der anderen Richtung. Hauptsächlich ist die Thinkfarm ein gemütlicher und kollektiv organisierter Coworking-Space für Projekte, die sich für den wirtschaftlichen und ökosozialen Wandel engagieren. Was sich aus dem Austausch im Arbeitsraum dann in den Netzwerken entwickelt, hängt von den Teilnehmenden ab. Die Thinkfarm bietet nur einen guten Ort dafür an.

Uns wurden mehrere, sehr unterschiedliche Projekte unter dem Dach der Thinkfarm vorgestellt. Für mich persönlich am interessantesten war ein Umweltverein von türkisch-sprechenden Einwohner*innen für türkisch-sprechende Erwachsene, der einerseits allgemeine Umweltbildung anbietet und darüber hinaus ein Vernetzungs- und Mentoringprojekt betreut, wo Frauen mit unternehmerischer Erfahrung (aber nicht unbedingt sehr ausgeprägtem Umweltbewusstsein) andere Frauen unterstützen, die grüne Businessideen haben, aber nicht über Erfahrungen im Zusammenhang mit deren Umsetzung verfügen.

Der zweite Teil ließe sich unter das Motto „Selbstbasteln und recyceln außerhalb traditioneller Arbeitsverhältnisse“ stellen. Die letzten beiden Projekte begreifen den Wandel noch konkreter. Beide waren lange mit Widerstand von öffentlicher und privater Seite konfrontiert. Das erste Projekt war das Repaircafé Kreuzberg, ein Teil des Kunst-Stoffe Vereins. Im Repaircafé kann man zusammen mit Künstlern und Elektrikern einmal im Monat eigene Elektrogeräte umsonst reparieren. Das Ziel ist, DIY-Bewusstsein und -Bildung anzubieten und Kreislaufwirtschaft zu fördern. Eine der Tourteilnehmerinnen war der Meinung, dass, obwohl die Bildungsarbeit wichtig sei, das Repaircafe kein Businessmodell werden könne. Der Mithelferin Elisa zufolge haben auch einige Handwerker, die eigene Werkstätten betreiben, ähnliche Meinungen. Um das eigene Wissen weiterhin als kostenpflichtige Reparaturdienstleistung anbieten zu können, geben sie dieses Wissen sehr ungern weiter.

Wirtschaftsjournalist Paul Mason hat neulich in seinem Buch eine Vision vorgestellt. In seiner Zukunftswelt wäre alles Wissen frei online verfügbar, weil Produktion und Arbeit auf freiwilligem gegenseitigem Tausch basieren würden. Lebenskosten der Handwerker (und aller anderen) würden über ein Grundeinkommen gedeckt anstatt durch Lohnarbeit. Die Vision ist zwar schön, aber aus Sicht des Repaircafés fehlt eine konkrete Perspektive, wie man ausgehend von den bestehenden Verhältnissen dorthin kommen kann.

Der Besuch der Regenbogenfabrik widmet sich dem Thema des kollektiven, generationsübergreifenden Kampfes für nachbarschaftliche Dienste und Lebensräume. Für mich als neue Berlinerin war es die „Perle der Tour“, mehr über die Geschichte der Regenbogenfabrik zu hören. Wenngleich sich das Ende der Veranstaltung weit (und für manche zu weit) nach hinten verschoben hatte, war mir diese Erfahrung die Zeit absolut wert. Die Fabrik wurde 1982 besetzt, unter anderem von alleinerziehenden Müttern, die schon damals aufgrund unbezahlbarer Mieten motiviert waren, alternative Wege des Wohnens zu finden und auszuprobieren. Die Kita-Gründung war folgerichtig eines der ersten Projekte an diesem Ort. Nach 30 Jahren Verhandlungen und vielen Phasen der Unsicherheit, z. B. als das Gelände unter Denkmalschutz gestellt wurde oder als festgestellt wurde, dass der Boden vergiftet war, hat sich die Fabrik nun ein Erbbaurecht für das Gelände sichern können.

Die Gruppe hat sich in dieser Zeit mehrmals geteilt und verändert, manchmal auch im Streit. Die ehrenamtliche Arbeit, reguliert durch Tauschbeziehungen und das Prinzip der Gleichwertigkeit aller Tätigkeiten, haben sich zu einem bunten Strauß von Organisationsformen und zunehmend formellen Arbeitsbeziehungen entwickelt, der es den Mitarbeiter*innen ermöglicht, ihren Lebensunterhalt im Kollektiv zu verdienen. Auf Basis von Spenden zu wirtschaften war nie eine Möglichkeit – waren doch die Unterstützer*innenkreise der Fabrik genauso arm wie die Besetzer*innen selbst. Mittlerweile hat die Fabrik neben der Kita auch eine Bäckerei und ein Hostel gegründet. Mit diesen gemeinnützigen Betrieben schafft sie heute 25 kollektiv organisierte Arbeitsstellen, teilweise auch für Menschen mit Behinderungen.

Letztlich haben die Künstler*innen des Supermarkts und die Besetzer*innen der Regenbogenfabrik das gleiche Ziel der Existenzsicherung, aber sie verfolgen sehr unterschiedliche Wege, wobei der Weg der Regenbogenfabrik, dieses in einer räumlich begrenzten Gemeinschaft durch konkreten Kampf gegen Investoren zu verwirklichen birgt eine erheblich größere transformatorische Kraft.